Madeira
Wohin nimmt man eine Kamera wie die GFX100RF? Ein Modell, das maximale Vielseitigkeit mit der bestmöglichen Bildqualität eines Mittelformatsensors verbindet? Diese Frage stellte ich mir im November 2024.

An einem grauen Novembertag in Prag hielt ich plötzlich zwei Prototypen in den Händen – Kameras, die ich Fujifilm vor fünf Jahren selbst vorgeschlagen hatte. 2019, in einem Raum voller Fotografen, Entwickler und Produktmanager, fragte ich unverblümt: „Warum baut ihr keine Mittelformatkamera im Stil der X100?“ Nun, fünf Jahre später, lag sie vor mir. Eine surreale Erfahrung.
Ich erinnere mich noch genau, wie ich sie aus der Luftpolsterfolie zog: klein, scharfkantig, minimalistisch – eine Hommage an die X100- und X-E-Serien. Alles war genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte.


Noch am selben Nachmittag überlegte ich, wie ich die Kamera am besten auf Herz und Nieren testen könnte. Das große Seitenverhältnis- Einstellrad zeigte sofort: Fujifilm hat sie als echte Multiformat-Kamera gebaut.
Ich wollte mit ihr das Leben auf der Straße fotografieren. Zugleich reizte mich die Idee, sie in der Landschaft zu testen. Beide Genres zu verbinden, erwies sich als leicht.
Straßen- und Landschaftsfotografie vereinen sich in der Reisefotografie. Sie bietet die perfekte Möglichkeit, eine kompakte, vielseitige Kamera auszureizen und mit der Festbrennweite und den Bildformaten zu spielen.

Ich suchte weltweit nach Orten. Aber ich lebe in Europa und wollte meinem Kontinent treu bleiben. Da der Winter in Dänemark und Nordeuropa oft so dunkel wie die Nacht ist, musste ich mich weiter südlich umsehen.
Schließlich entschied ich mich für eine kleine Atlantikinsel vor der Nordküste Afrikas, die zu Portugal gehört: Madeira. Jedes Foto, jedes Video, das ich von diesem Ort sah, überwältigte mich.
Schroffe Klippen, die an wunderschön blaue Wellen grenzten, Berghänge mit üppiger grüner Vegetation, Berggipfel mit Wolkeninversion und bezaubernde, nebelverhangene mystische Wälder.
Dieser Ort schien zu schön, um wahr zu sein – perfekt für die GFX100RF.
Madeira, 740 km² groß, entstand aus einem gewaltigen Schildvulkan, der sich rund sechs Kilometer über den Meeresboden erhebt. Etwa 260.000 Menschen leben hier, die Hauptstadt Funchal zählt rund 106 000 Einwohner. Die Insel besitzt eine eigene Regierung und kulturelle Identität. Ihre portugiesischen Wurzeln prägen sie, aber sie bestimmt ihr eigener Geist.

Die Insel wurde von Portugiesen besiedelt, insbesondere von Bauern aus der Region Minho. Das bedeutet, dass die Madeirenser, wie sie genannt werden, ethnisch gesehen Portugiesen sind, obwohl sie ihre eigene Kultur entwickelt haben.
Bei der Suche nach einer Unterkunft entschied ich mich für den Norden der Insel. Obwohl es dort angeblich häufiger regnet und weniger Sonne gibt, herrscht auf Madeira ein erstaunliches Mikroklima – oder besser gesagt: viele Mikroklimata. Für so eine kleine Insel ist das erstaunlich. Ich empfehle, im Norden zu übernachten. Dort ist deutlich ruhiger und weniger touristisch als die Südküste. Viele der bekanntesten Aussichtspunkte und landschaftlichen Highlights liegen ohnehin im nördlichen und zentralen Teil der Insel, eine Unterkunft hier spart also Wege und Zeit. Fast alles ist mit dem Auto erreichbar, sofern man enge, kurvige Bergstraßen nicht scheut.
Bevor ich aufbrach, hatte ich eine Liste an Orten im Kopf, die ich unbedingt fotografieren wollte. Ganz oben stand der Fanal-Wald – ein Ort aus Nebel und Stille. Er liegt an einem Berghang und ist häufig von einer dichten Nebelschicht verhüllt. Als wir ankamen, war es kein Nebel, sondern dichter Dunst, begleitet von frischem Wind und feuchter Luft. Alles war klamm, sattgrün und lebendig – und doch standen die Bäume kahl und knorrig da, vom Wind geformt, wie riesige Bonsais.
Es war einer der schönsten und surrealsten Orte, die ich je besucht habe. Wie ein Schritt in eine zauberhafte Märchenwelt zwischen Nebel, Wind und Geschichten.



Die GFX100RF war perfekt für diese Bedingungen. Mit Gegenlichtblende und Filter zeigte sie sich komplett wetterfest, der feine Nieselregen konnte ihr nichts anhaben. Ich wollte die Stimmung fassen und einen Menschen ins Bild holen, um die Dimension des Ortes zu verdeutlichen. Mit der Filmsimulation ACROS + Grünfilter nahm ich Schwarz-Weiß-Bilder auf, wobei ich Lichter und Schatten jeweils auf +4 stellte, um maximalen Kontrast zu erzielen.

Das Mikroklima Madeiras zeigte sich besonders eindrucksvoll, als wir vom nebligen, 12 Grad kühlen Berg hinunter zur Küste fuhren. Zehn Minuten später: Sonne, 22 Grad, klare Sicht, perfekte Wellen.
Wir hielten am Straßenrand und sahen den im flachen Wasser wartenden Surfern zu. Mein Lieblingsfoto der Reise entstand genau in diesem Moment: ein Surfer, barfuß am felsigen Strand, den Blick auf das Meer gerichtet. Einer jener flüchtigen Augenblicke, die entstehen, ohne dass man sie erwartet, und die man nur festhält, wenn die Kamera griffbereit über der Schulter hängt.

Auch die Landschaft am Aussichtspunkt Miradouro do Guindaste wollte ich fotografieren. Am besten zeigt sie sich bei Sonnenaufgang, wenn die Sonne im Osten aufgeht und ihr Licht flach über die zerklüfteten Klippen der Nordküste streicht.
Es gibt dort eine kleine natürliche Felsnase, auf die man hinausgehen kann, um den Blick ungestört schweifen zu lassen. Ich stellte eine Person ins Bild, meinen Reisepartner Casper, um die Weite der Landschaft spürbar zu machen.
Dafür mussten wir früh aufstehen, doch das Wetter war auf unserer Seite und bescherte uns einen perfekten Sonnenaufgang. Außer uns waren nur wenige Menschen dort – wie ich später hörte, war das pures Glück.

Das Objektiv der GFX100RF ist eine neu entwickelte 35-mm-Festbrennweite mit einer Lichtstärke von F4. Am GFX-Mittelformatsensor entspricht das einem Bildwinkel von etwa 28 mm im Vollformat. Der Bildwinkel ist also weit genug, um großzügige Landschaften in ihrer ganzen Tiefe und Weite einzufangen.
Besonders praktisch ist der digitale Telekonverter, der mit einem neuen Kippschalter direkt unter dem Auslöser betätigt wird. Der beeindruckende 102-Megapixel-Sensor ermöglicht es, per „Live-Crop“ auf Brennweiten von 45 mm, 63 mm oder 80 mm umzuschalten. In meiner Situation war das ideal: Ich wollte die Szene leicht komprimieren und das entfernte Motiv hinter Casper auf dem vordersten Felsen näher heranholen.
Das System funktioniert intuitiv und vermittelt tatsächlich das Gefühl, vier virtuelle Brennweiten in einer einzigen Kamera zur Verfügung zu haben – ein weiterer Beweis dafür, wie konsequent Fujifilm die GFX100RF als vielseitige Kamera für unterschiedlichste Einsätze entwickelt hat.


Neben den Landschaftsaufnahmen verbrachten wir auch einige Tage in der Hauptstadt Funchal, wo ich mich der Straßenfotografie widmen wollte. Der Besuch lohnte sich. Die Menschen dort sind offen und freundlich, und das Fotografieren macht einfach Freude. Das Licht ist warm, die Farben satt, die Kontraste hoch. Ich liebe es, auf der Straße in solchem Licht zu arbeiten.

Die GFX100RF zeigt gerade in Straßenszenen, wie schnell sie reagieren kann. Oft vergaß ich völlig, dass ich nicht etwa die kompakte X100VI, sondern eine Mittelformatkamera in der Hand hielt. Das Objektiv mit Zentralverschluss, der präzise Autofokus und vor allem die zuverlässige Gesichtserkennung machen es erstaunlich einfach, Menschen in Bewegung einzufangen – selbst aus nächster Nähe, wenn sie direkt auf mich zukommen. Im Mittelformatsegment gibt es derzeit nichts Vergleichbares.



Einer meiner größten Wünsche auf Madeira war es, einen Sonnenuntergang über den Wolken zu erleben, hoch oben auf den Gipfeln im Herzen der Insel. Die drei höchsten Berge auf Madeira sind der Pico Ruivo mit 1862 Metern, der Pico das Torres mit 1847 Metern und der Pico do Arieiro mit 1818 Metern.
Am einfachsten zu erreichen ist der Pico do Arieiro. Man kann mit dem Auto buchstäblich bis zur Radarstation fahren, die sich auf dem Gipfel des Pico befindet. In der Umgebung gibt es mehrere Wanderwege sowie befestigte Pfade, sodass jeder, unabhängig von seiner körperlichen Verfassung, diese herrliche Aussicht genießen kann.

Wir versuchten, den Aufstieg so gut wie möglich an die Wetterlage anzupassen, entschieden uns dann aber spontan, einfach zum Gipfel zu fahren. Und wir hatten Glück: Wir kämpften uns durch dichten Nebel und tiefhängende Wolken nach oben, als der Himmel rund 300 Meter vor dem Ziel plötzlich aufriss. Vor uns eröffnete sich ein Panorama, so groß, dass man den Atem anhielt.
Um die Vielfalt dieser Landschaft festzuhalten, nutzte ich verschiedene Bildformate.
Dabei kam mir die beeindruckende Auflösungsleistung des 35mmF4-Objektivs in Kombination mit dem 102-Megapixel-Sensor der GFX100RF zugute. Ein Bild zeigt einen Bergrücken im Wolkenmeer – und erst zu Hause entdeckte ich darauf einen winzigen Wanderer auf einem fernen Felsvorsprung. Dieses Foto möchte ich groß drucken lassen.

Fast zweieinhalb Stunden lang blieben wir auf dem Gipfel und suchten nach jedem denkbaren Motiv. Schließlich begann die Sonne zu sinken, und der Himmel verlor langsam sein Licht.


Die Reise nach Madeira zeigte, wie vielseitig die GFX100RF ist. Ihre Zuverlässigkeit und Anpassungsfähigkeit machen sie zu einer Kamera, auf die man sich in jeder Situation verlassen kann.